Sun, 01 Nov 2009
Fremde Erinnerungen IVOktoberabend
Ein derber Tisch aus Fichtenholz, eine hölzerne Bank, ein oder zwei oder drei Viertele süßen Suser und ein wenig mehr als eine Stunde unter einem sonnendurchschienenen, rotgoldenen Ahorndach, flimmernd im Spiel des Lufthauchs, der über den blanken See streicht, so will ich den Tag austrinken, mich berauschen, ohne trunken zu werden. Wie auch der trübe, süße Suser vor mir, meine Hand ruht an dem Glas, mich Schluck für Schluck berauscht, ohne jemals betrunken zu machen.
Noch einmal durchwandern meine Gedanken das sonnendurchwirkte Land, die goldenen Hänge, Täler und Berge. Eingetaucht in die Farben habe ich jedes Glitzern und jedes bunte Spiel genossen, habe Glut und Licht und Farben getrunken, mich wie von Sinnen berauscht, gesogen wie ein Kind, war umflossen worden von Farben und Licht und Glut, wurde durchdrungen habe diesen Herbsttag Glück genossen. Meine Seele war unendlich leicht geworden, wie meine Füße , und weit, meine Gedanken still und meine Sinne eins mit der Flut des Lichts und der Farben. Beschwingt, wie im Rausch bin ich meine Wege gegangen, ohne sie zu messen, bin ein Teil dieser Welt gewesen, bin es noch immer. Nicht gezählt habe ich die Stationen des Verweilens unter goldblinkenden Laubdächern, der Einkehr zu stiller Andacht. Und nun sitze hier, den Suser vor mir, in meiner Hand, sind meine Gedanken still.
Ich will nicht denken. Gestern ist denken, Morgen ist denken, jetzt und Festhalten und Bewahren ist Denken. Das endliche Denken findet sein ende, das Denken an Vergehen und an Dunkelheit und auch an das Ende. Ich fühle mit dem, lebe in dem, was mich umgibt. Meine Sinne feiern das Sommerfest mit, das Fest des rotgoldenen Ahorns, der gelben Birken mit den blendendweißen Stämmen und auch der Fest der schwarzen Fichten. Eine Unendlichkeit lang öffne ich mich, atme ein, atme mich aus, fühle wie sie, mit ihnen, spüre Licht- und Lufthauch auf meiner Haut, in mir, löse mich auf. Auf dem See tanzen glitzernd tausend Sterne, Sonnenstrahlen, das Ahornlaub flimmert und glüht, in meinem Suser blinkt der Sonnenschein, während sie selbst, die Mutter des Lebens, ihre Bahn den dunkelnden Bergen zuneigt. Morgen?

Wieder ein kurzer zerstörender Gedanke, das alles anders sein wird, weit von hier. Morgen ist Denken und stört, was ich will, fühlen. Jetzt beginnt eine Feier des Lichts, eine Orgie der Flammen und Farben. Die sinkende Sonnenscheibe, groß und rund und glühend, bricht sich am Hang des Berges über dem See. Die Berge werden schwarz, auch ihre Spiegel im See, glühend wie flüssiges Metall blendet die Wasserfläche. Alles ist im Werden, alles im Vergehen, unaufhaltsam schwindet der Sonnenschein, zuerst aus meinem Glas, dann aus meinem Gesicht, endlich aus dem Laubdach des Ahorns, die Welt liegt im Schatten. Die Sonne ist glühend hinabgesunken, der Himmel erblüht in vollen satten Farben. Eine große fahle, durchsichtige Wolke zieht darüber hin. Vor mir der See spiegelt die schwarzen Berge, leuchtet in den Farben des Himmels. Matt und matter werden die Farben über den Bergen, doch das Wasser schimmert noch immer wie blasses Gold. Abend und Nacht kriechen aus den Wäldern, die Glut schwindet.
Nun scheint alles vorbei, unwiederbringlich, niemals wiederkehrend vergangen. Mein Sinn dunkelt.
Hinter den Bergen scheint noch ein schwaches Licht, leuchtet ein fahles Gelb. Dort blieb der Tag, so voller Leuchten.
Meine Hand und das Glas und der Suser, gehoben gegen das blanke Gesicht des Sees, ein kleiner Aufschub der Vergänglichkeit, Augenblick der Beschwörung, er schwindet.
Und doch, noch einmal, so ganz unerwartet, ersteht alle Pracht von Neuem, erblüht der Abendhimmel in allen warmen, satten, glühenden Farben, in gold und orange und rot, noch einmal spiegelt der See und trinken meine Augen die Glut, das Feuer, die lodernde Vision der Erfüllung. Meine Seele glüht wie der See unter dem Feuer des Himmels, eine aufflammende schwindende Pracht.
Der lichte Tag, der süße Suser ist ausgetrunken, der Abend da.
Ich habe geglüht. Ich habe gelebt.
Was mehr?
Mon, 19 Oct 2009
Fremde Erinnerungen IIIDer Herr hat ein neues Gesetz für mich bereitet, das erste ist für alle Zeiten verloren. Soll ich nicht wehmütig sein, wenn ich daran denke?
Es fällt mir nicht leicht, das nun folgende niederzuschreiben. Im Oktober 1964 lernte ich meine jetzige Ehefrau F. kennen. Ich lud sie eines abends zu einem Lokalbesuch ein. Wir unterhielten uns über viele Dinge. Ich spürte von Anfang an, daß sie irgend ein Leid mit sich herumtragen würde. Während des Abends gestand sie mir, daß sie schwanger wäre. Für mich stand fest, daß ich ihr helfen müßte. In den folgenden Wochen wurde ich mir meiner Liebe zu ihr völlig klar. Sie zögerte, weil das nicht verstehen konnte, wie sie sagte. Mir wurde meine Berufung klar, nicht nur sie, die sie kein Mitglied der Kirche war, zu retten, sondern auch das neue Leben. Ich bin überzeugt das es der Wille des Herrn ist, daß ich L., der am 15. Februar 1965 geboren wurde, ein Vater sein sollte. In vielen Gesprächen die ich mit F. hatte, betonte ich, daß nur das Evangelium und mein Gehorsam zu den Gesetzen des Herrn eine Grundlage für unser Glück sein könnte. Ich warnte sie, zu versuchen, diese Grundlage zu zerstören. Ich hatte festen Glauben, daß sie sich zur Kirche des Herrn bekehren würde. Überschätzt habe ich meine Kraft und meine Geduld. Und die Schwierigkeiten der nächsten Jahre haben fast meinen Untergang herbeigeführt. Insbesondere deshalb, weil es mir in den Schwierigkeiten nicht gelang, mit unerschütterliche Festigkeit nach meinen Bündnissen zu leben. Nur wer einen ähnlichen Kampf wie ich gekämpft habe, kann mich verstehen. Ich warne im Namen des Herrn Jesus Christus alle meine Nachkommen, sich einen Ehepartner außerhalb der Kirche zu suchen. Es ist ein Weg am Abgrund. Ich war lange Jahre in Gefahr verloren zu gehen. Daß mein Lebensweg eine glückliche Wende genommen hat, ist nicht mein Verdienst. Es ist eine so große Segnung des Herrn, daß ich sie bis heute nicht voll begreifen kann.

Die Missionare kamen zu uns ins Haus, aber F. verhielt sich völlig ablehnend. Ich hatte schon alle Hoffnung aufgegeben, ließ in meiner Pflicht nach, bis ich im Mai 1970 völlig untätig wurde. Für unsere Ehe wurde das eine außerordentliche Belastung und wir Sprachen oft davon, uns scheiden zu lassen. Im Mai sagte F. zu mir: „Ich weiß ganz genau, was dich unglücklich macht. Es ist, weil du nicht mehr zur Kirche gehst“. Um vielleicht noch etwas an unserer Ehe zu retten, schlug sie mir vor, daß wir dann ab nächsten Sonntag gemeinsam zur Kirche gehen wollten. Sie würde dann immer mitkommen. Nur sollte ich nie versuchen, sie zu bekehren. Ich war schon darüber sehr glücklich. Nach vielleicht 2-3 Wochen besuchten uns die Missionare und fragten nach einer Empfehlung. Ich konnte keine geben. Als sie sich verabschiedeten, sagte ich ihnen, daß ich doch eine Empfehlung hätte, nämlich meine Frau. Sie machten gleich einen Termin fest. F. war es gar nicht recht, wie sie mir nach dem Weggang der Missionare sagte. Die Missionare kamen also und sagten zu ihr: „Schwester K., wir werden am 25. September eine Taufe haben. Wenn sie ein Zeugnis von der Wahrheit bekommen, werden sie sich dann taufen lassen?“ Sie war fassungslos. Am 25. September 1971 wurde sie getauft. Meine Freude war groß und wäre noch größer gewesen, wenn ich durch mein Versagen in den letzten Jahren nicht einen sehr schlechten Stand in der Kirche gehabt hätte. Aber so oder so – es war auch für mich der Anfang für die Umkehr.
Nun komme ich noch einmal auf das Jahr 1965, das Geburtsjahr L.s zurück. Im Monat Mai, als ich mit ihm alleine war, nahm ich ihn auf Anregung des Geistes auf meine Arme und segnete ihn in Vorbereitung darauf, einmal nach den Willen des Herrn vor der Gemeinde die Kindersegnung nach der Ordnung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der letzten Tage zu erhalten. Am (Datum) hatte ich das Vorrecht, L. vor der Gemeinde Pinneberg zu segnen. Alles, was mit der Kraft und Vollmacht des Pristertums und durch den Heiligen Geist der Verheißung getan wird, hat Gültigkeit bei unserem Vater und erfüllt sich an dem Tage, den er machen wird.

Dir, L. sage ich durch diese Zeilen, daß die Segnungen meiner Väter Abraham, Isaac und Jacob, welche die Segnungen des Evangeliums sind, nach dem Willen unseres Gottes durch mich als einen buchstäblichen Nachkommen Ephraims, welcher ein Sohn Josephs des Sohnes Jacobs war, auf dich als ein heiliges Erbe überkommen sind. Halte es heilig!
Auch nach der Taufe F.s hatten wir mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Meine Schuld der Vergangenheit hatte ich nicht bereinigt. Und das wäre fast in einer Katastrophe geendet. Ein Erlebnis besonderer geistiger Art war mein patriarischer Segen, den ich am 6. Oktober 1974 erhielt. Nie zuvor und niemals danach war der Himmel für mich so offen wie damals unter den Händen von Bruder K. Heute beginnen sich die Verheißungen zu erfüllen.
Sat, 10 Oct 2009
Fremde Erinnerungen IIMeinen ersten Kontakt mit der Kirche des Herrn hatte ich, als uns die Geschwister F. und M. K. 1046/47 zur Versammlung nach Hamburg Altona in die Kleine Westerstaße einluden. Meine Schwester G. und ich fuhren bald regelmäßig zur Primarvereinigung und zur Sonntagschule. Das Fahrgeld verdienten wir uns bei einem Gemüsehändler. Zweimal in der Woche fuhren wir für ihn Abfälle mit dem Handwagen auf den Müllplatz und erhielten dafür jeder 50 Pfennig und manchmal Obst oder ein Kaugummi. Das Versammlunghaus in Altona war ein großes Gebäude, bei dem das Dach durch eine Bombe beschädigt war. Die Decke war fast eingestürzt, ein Teil hing durch. Auch im Winter konnte nicht geheizt werden. An diese Zeit erinnere ich noch sehr gut. Ebenso habe ich viele Geschwister von damals in guter Erinnerung behalten. Bruder K. ist heute schon alt und sehr gebrechlich. Viele der Geschwister sind in den Jahren danach ausgewandert. Die Kirche unterstützte unsere Familie in dieser Zeit großer Not mit Lebensmitteln und Kleidung. Heute leben wir in großer Fülle, daß es schon nicht mehr gut für uns ist.

Es muß im Jahr 1947 gewesen sein, daß ich sehr großen Hunger hatte. Meine Mutter konnte mir ausnahmsweise ein Stück Brot mit Margarine geben. Das war wirklich etwas außergewöhnliches, so daß ich mich noch heute daran erinnere. Später erst erfuhr ich, daß ich nur deshalb das Stück Brot bekam, weil meine Mutter an diesem Tag gar nichts gegessen hatte. Meine erste Ansprache gab ich in der Sonntagsschule in Altona. Ich sprach über Joseph Smith und seine Vision. Bruder K. hatte mir bei der Ausarbeitung geholfen. Schon bald wurden in Pinneberg Versammlungen abgehalten, und zwar in einer alten, schmutzigen Steinbaracke, die wir uns mit dem Roten Kreuz und verschiedenen Glaubensgemeinschaften teilten. Am 27. August 1949 wurden meine Mutter und meine Schwester G. und ich in Hamburg im Fluß Alster getauft. Dieses Ereignis habe ich nicht vergessen. Es hat einen sehr tiefen Eindruck bei mir hinterlassen. Die Umstände haben sich mir unauslöschlich eingeprägt. Es war schon fast dunkel. Wir mußten so lange warten, weil uns viele Neugierige verfolgten. Bruder S., der mich taufte und konformierte, ist später nach USA ausgewandert. […]

Mein Leben war hauptsächlich geprägt einerseits von der Armut meiner Eltern und anderseits von der Freude am Evangelium. Mit 8 Jahren habe ich begonnen, in der Schrift zu lesen, hauptsächlich im Neuen Testament. Die heilige Schrift ist mir bis heute die liebste Lektüre geblieben. Ich habe viel Erkenntnis, Weisheit, Glauben und Erleuchtung darin gefunden. […]

Nach meiner Grundwehrdienstzeit in der Deutschen Wehrmacht [sic!] wurde ich am 29. April 1962 von B. zum Amt eines Hohen Priesters ordiniert und als Mitglied des Hohen Rates des Pfahles Hamburg berufen. Bruder B. schätze ich noch heute außerordentlich. Er ist ein weiser und liebevoller Mann. Bei der Ordinierung sagte er in seinem Segen unter anderem, daß ich zur bestimmten Zeit eine Frau finden werde, die mich liebt und die ich liebe. Damit hatte ich damals große Probleme. Damit war der jüngste Hohepriester im Pfahl Hamburg und der erste in der Gemeinde Pinneberg. Dieses ist ein Zeugnis für mich, daß der Herr den liebt, der ihn sucht und der ihm dient. Meine Ordination zum Hohenpriester war nur möglich gewesen, weil ich am 16. Mai 1960 im Tempel des Herrn in Zollikofen in der Schweiz mein Endowment erhalten hatte. Das war ein außergewöhnliches Erlebnis für mich. Nur verstanden habe ich die Dinge erst heute, oder viel mehr beginne ich erst heute zu verstehen. Ich war mit den Geschwistern K. und H. und H. und A. mit einer Reisegruppe in den Tempel gefahren. Immer wenn ich in den Tempel zurückgekehrt bin, hatte ich das glückliche Gefühl, zu Hause zu sein.
tbc.
Tue, 06 Oct 2009
Fremde ErinnerungenHeute, am 24.08.1977, beginne ich ein Vorhaben auszuführen, mit dem ich mich in Gedanken schon oft befaßt habe. Ich beginne meinem Buch der Erinnerungen den Teil hinzuzufügen, der als persönlicher Bericht und als heiliger Teil anzusehen ist. Es ist der Wille Gottes, daß ich damit beginne. […]

Ich bitte den Herrn inständig, daß er meinen Bericht für meine Nachkommen bewahrt, damit sie ihre Herzen zu mir kehren so wie ich durch diesen Bericht mein Herz zu ihnen Kehre, zu ihnen allen, die ich auch heute noch nicht kenne. Ich möchte ihnen mein Zeugnis von der Wahrheit des Evangeliums von Jesus Christus als ein heiliges Erbe hinterlassen. Sie sollen wissen, daß die Segnungen des Evangeliums und das Priestertum ein heiliges Erbe meiner Väter Abraham, Isaac und Israel nach jahrhundertelanger Dunkelheit wieder auf mich als erster in einer langen Reihe von Nachkommen Ephraims überkommen sind.
Der Herr hat verheißen, daß das Pristertum bis zu seinem Kommen nicht wieder von der Erde genommen werden soll. Es ist mein größter Wunsch und mein Gebet, daß ich Nachkommen haben werde bis zu seinem Kommen und daß diese den Eid und Bund des Pristertums in Heiligkeit bewahren, damit wir uns bei ihm in seiner Herrlichkeit sehen werden.
Am 16. März 1939 wurde ich in F. in der Neumark geboren. Nur wenige Erinnerungen habe ich an diese Zeit meiner Kindheit. Es war eine glückliche Zeit der Geborgenheit. Vor meinem 6. Geburtstag, den ich bei Mutters Tante M., geborene P. in Alt Landsberg erlebte, flüchtete meine Mutter mit meinen Schwestern G. und H. und mir vor dem Einmarsch der russischen Armee. Nach der Zwischenstation bei Tante M. ging es unter Mühen weiter nach Thannhausen in die Oberpfalz. Dort fand uns mein Vater, der aus dem Krieg zurückkehrte. Wir haben alle vor Freude darüber, daß er nach langer Zeit gesund heimkam, sehr geweint.

Im März 1946 zogen wir nach P., zuerst zu einer Schulfreundin meiner Mutter und dann in eine eigene Wohnung. Im Januar 1951 zogen wir in ein eigenes Haus, in dem meine Geschwister und ich unsere Jugend verbrachten. Ich lebte dort bis zu meiner Hochzeit am 19.Februar 1965.
tbc.